Henke, Oswald: Zwischengeist Drucken E-Mail
Geschrieben von: Jana Döring   
Freitag, den 12. Oktober 2012 um 22:23 Uhr

Oswald Henke_Zwischengeist © Culex-VerlagSeiten: 132, Hochglanz, Hardcover
Verlag: Culex
Genre: Lyrik, alternativ
ISBN-10: 3-942003-05-8
ISBN-13: 978-3-942003-05-6
Erschienen: 1. September 2012

Oswald Henke, Kopf und Herz des Musiktheaters Goethes Erben sowie des aktuellen Soloprojektes Henke, hat sein fünftes Buch herausgebracht. Nach "FSK 18 – Tendenziell menschenverachtend" und drei Jahren Wartepause weckt er erneut die Literaturlandschaft auf, um sie zu verstören, zu bereichern.


Das neue Werk "Zwischengeist" gibt mit seinem Titel die Richtung der folgenden Texte bereits vor. Es warten über 70 Wortspiele, Gedichte oder auch nur der ganz normale Wahnsinn des Alltages darauf, gelesen zu werden. Die Texte sind in sieben Kapitel unterteilt, welche jeweils ein bestimmtes, übergeordnetes Thema, einen Zustand oder Verlauf darstellen. Der Name ist Programm.

Und das Programm beginnt mit "Seelenfütterungen"

Gleich im ersten Kapitel wird der Leser mit komplexen und phantasiereichen Gedankengängen und Gefühlsbeschreibungen konfrontiert, ohne dabei an der Oberfläche zu bleiben. Wer Henke kennt, weiß, dass es bei seiner Kunst nie um bloße Unterhaltung geht. Es muss weh tun, und das mit möglichst vielseitig aufgestellten Themen, ohne jedoch konkrete Gefühle oder gar Weltanschauungen aufdrängen zu wollen.

So kann "Es ist Nacht" beispielsweise für einen von zahlreichen Entwürfen nächtlicher Gedankentornados stehen, so wie "Vom Unsinn" der Frage nach Wahrheit und Lüge nachzugehen versucht, ohne jedoch verbindliche Antworten geben zu wollen. So spricht in "Weil ich es kann" das Ich zu sich selbst: "Will ich überhaupt? Oder warte ich nur das Ende ab?"

Auf zwei Vorsünden folgen fünf Sünden

Das zweite Kapitel "Vorsünde und Sündenfall" gleicht einer Darstellung der sieben Todsünden in moderner Version. Dabei ist von fünf Sünden die Rede, die ihren Ursprung in zwei Vorsünden finden, welche aus Enttäuschung und Suche nach Liebe zu bestehen scheinen. "Träumer leben einsam. Träumer werden zu Sündern …" Der Sündenfall an sich besteht aus einem radikalen Fall in ein Verderben aus Drogen, Scheitern und Leere, der nicht nur durch das Verringern der Textlänge in seiner erschlagenden Wirkung erschreckt.

"Das Christkind der Zukunft starb vor der Geburt …"

Mit dieser erdrückenden Atmosphäre, wie sie in "Schwarzer Schnee" zu spüren ist, geht es übergangslos in den Todeskampf über. Das Kapitel "Agonie" spinnt Gedanken rund um das Verschwinden: Verschleiern, Entfernen, Löschen, Auslöschen, Abschied, kaputt.

Doch auch hier können vereinzelt Hoffnungsschimmer in Form von weißem Schnee oder einem einzelnen Wort gesehen werden. Die letzten Gedanken des dritten Kapitels mit dem Gedicht "Aggressionsreise" kündigen jedoch die "Ethischen Grenzgänger" bereits an: "Also lieber wegwerfen?/Fangen wir an/Beim jammernden Kind?/Nein, denn es kann auch lachen …"

Ethische Grenzgänger

Wie der Name erahnen lässt, bewegen sich die folgenden zehn Titel gefährlich nah an den Grenzen unserer heutigen Ethik- und Moralvorstellungen. Das vierte Kapitel ist damit eines der schwer verdaulichen des gesamten Lyrikbandes. Darf man Kindern den Tod wünschen? Darf man Gott einen Sadisten nennen? Darf man andere Mitmenschen als williges Werkzeug seiner eigenen Verachtung ansehen?

Provozierend gestellt sind die Fragen, welche zwischen den Zeilen mit Kritik an aktuellen Wertevorstellungen aufwarten und ein bewusstes Nachdenken über eigene Anschauungen provozieren.

Die Fahrt durch Gedanken- und Irrwege endet in "Abgeschlossen"

Hier wird das Ich mit "Und am Ende …"  oder "Ich halte den Atem an …" an ein unbestimmtes Ende und zugleich an einen Anfang versetzt. Nicht nicht nur durch die Worte, sondern auch durch den düsteren Hintergrund des Buches wird das Gefühl einer Endzeitstimmung vermittelt.

Generell wurde der Lyrikband liebevolle ausgestattet, sodass Wort und Bild sich atmosphärisch ergänzen

Beginnt das erste Kapitel noch mit vergleichsweise harmlosem weißen Hintergrund, auf dem sich narbenähnliche Markierungen sowie Fragmente eines, ursprünglich vollständigen, Puzzles befunden haben, verdüstert sich dieser zunehmend. Was anfangs weiß gewesen ist, nimmt in "Agonie" bereits nebelartige Züge an, um in "Abgeschlossen" im Schwarz zu enden.

Auch die eingesetzten Motive gehen mit den Worten ergänzend einher. Eine Drahtabsperrung symbolisiert "Ethische Grenzgänger" und verschlossene Türen findet man in "Abgeschlossen" vor. Zudem leiten als Beginn der einzelnen Kapitel wegweisende Bilder auf je einer Doppelseite zu den Gedichten über.

"Zwischengeist" stellt einen Ausflug in verschiedene Gedankenwelten dar, ohne dass Gesellschaftskritik auf der Strecke bleibt – wer sie sehen will, wird sie finden und verstehen.

Ganz in diesem Stile schickt Autor und Kolumnist Oswald Henke einen Erziehungsratgeber hinterher

"Garantiert nie erprobt, nur theoretisch erdacht und kurz notiert." Dort werden Eltern scheinbar auf die Wichtigkeit von Bestrafung hingewiesen. Vorschläge zu dessen Umsetzung gibt es gleich mit dazu. Wer jedoch Aussagen wie "Kinder sind ihren Eltern vom Staat dazu anvertraut, sie zu dem zu machen, was die Gesellschaft will" zu deuten weiß, erkennt die Pointe.

Bei Rezianer
Bericht über Oswald Henkes Lesereise zu "Zwischengeist"
Rezension Band Henke: "Herz"
Rezension Band Henke: "Seelenfütterung"
Interview mit Oswald Henke: Was mich nicht interessiert, mach ich nicht"

Vielen Dank an den Culex-Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsmaterials!