"Was mich nicht interessiert, mach ich nicht" - Oswald Henke im Interview Drucken E-Mail
Geschrieben von: Wolfgang Hesse   
Samstag, den 18. Juni 2011 um 13:27 Uhr

Oswald Henke - copyright: Wolfgang HesseOswald Henke stand mit seiner aktuellen Band Henke am Donnerstag, 9. Juni, auf der Hauptbühne in der Agra-Halle. Vor seinem Auftritt sprach Wolfgang Hesse mit dem Dichter, Denker und Musiker über Vergangenheit, die Szene und sein neues Projekt.

Hallo Oswald, heute spielt ihr in der Agra Musik von Goethes Erben.

O. H.: Wir spielen heute als Henke, aber wir spielen ein Programm, das nur aus Goethes-Erben-Titeln besteht, weil Goethes Erben damals vor 20 Jahren zum ersten WGT aufgetreten sind.


Da ist eben die Bitte an mich herangebracht worden, ob wir nicht Goethes Erben noch einmal auf die Bühne bringen wollen.

O. H.: Das geht aber nicht ohne Mindy (Mindy Kumbalek, Anm. d. R.). Nur wenn ich mit ihr auf die Bühne gehe, trete ich als Goethes Erben auf – weil wir ja über zwanzig Jahre zusammen Musik gemacht haben. Mein Vorschlag war, dass ich mit meiner jetzigen Band Henke ein Repertoire nur aus Goethes-Erben-Stücken einstudiere für dieses Festival – eben dann: Henke spielt Goethes Erben.

Ihr wart damals beim ersten WGT dabei.


O. H.: Genau, damals im Eiskeller, vor 2000 Leuten.

Es waren zwei Abende im Eiskeller. An was denkst du, wenn du an diese Zeit zurückdenkst? Was kannst du aus heutiger Sicht zu den Anfängen der Gothic-Szene von damals sagen?


O. H.: Also, ich denke, dass die Szene sich über die Jahre sehr aufgefüllt hat mit Leuten, die eigentlich gar nicht wissen, worum es in dieser Bewegung geht, was Gothic oder Dark Wave ist. Sie mögen zwar die Musik, aber verstehen den ganzen kulturellen Background nicht oder setzen sich damit auseinander … Und das finde ich immer sehr schade.

Ich finde es schön, dass sich mehr Leute für die Szene interessieren, aber nicht nur als Kommerz … Das ist das, was sich verändert hat in den Jahren. Die Szene war kleiner, sie war überschaubarer. Man kannte sich und es ging noch nicht so sehr ums Geld.

Wenn du daran zurückdenkst, wie haben damals die Leute gefühlt?

O. H.: Das kann ich so nicht sagen … Es war mehr ein Zusammengehörigkeitsgefühl als heute. Heute ist das sehr in Gruppen zerfallen … Als ich damals jung war und die Disco gegangen bin, da hat man nicht nur auf das eine getanzt.

Die Szene war mehr eine Einheit.

O. H.: Es war eine Einheit. Es war eine Szene und nicht eine in Grüppchen zerfallene Szene wie jetzt, in der das eine Grüppchen dem anderen nichts gönnt. Wenn ein Lied gespielt wird, mit dem sie nichts anzufangen wissen, dann laufen sie gleich zum DJ und wollen "ihre" Musikgattung hören. Daran krankt es.

Oswald Henke hat viele Projekte und war auch als Dichter sehr fleißig. Vielleicht fasst du kurz zusammen, was das alles für Projekte waren und was die herausragenden Momente für dich selber waren.

O. H.: Das Hauptwerk für mich ist Goethes Erben und dabei hab ich auch die wunderbarsten Konzerte miterlebt bis jetzt. Da war zum Beispiel das Planetarium-Konzert in Jena ein Erlebnis, wie "open air", mit dem Sternenhimmel und als der Mond aufging. Es war eines der beeindruckendsten Konzerte, auch für die Band, die auf der Bühne stand …

Meine zweite Band war Artwork, da war ich aber nur Gastsänger. Dann gab es Erblast, ein Seitenprojekt von mir. Mindy hatte damals The Silence und ich hab Erblast gemacht. Mindy hatte also eher die poppige Schiene und ich eben die absolut düstere rituelle Szenerie auf die Bühne gebracht.

Ich hab nebenbei an Büchern gearbeitet, an einem großes Theaterstück (ZeitenWände, Anm. d. R.) und mit Goethes Erben immer wieder Musiktheaterinszenierungen aufgeführt.

Danach kam fetisch:Mensch, und jetzt eben meine neue Band Henke …

Heute spielst du mit Henke Goethes-Erben-Lieder.

O. H.: Genau, wir haben heute einen Gastmusiker auf die Bühne geholt, das ist die Susanne Reinhardt an der Geige. Weil ein paar Erben-Lieder einfach ohne Geige nicht funktionieren, hat sie gesagt: "Okay, da mach ich mit".

"Seelenfütterung", das ist das neue Album von Henke. Was waren die Gründe für diese Band?

O. H.: Ich wollte wieder Musik machen … und eigentlich war Henke nur gedacht, um mein altes bestehendes Repertoire noch mal auf die Bühne zu bringen, als auch Artwork-, als auch Erblast-, als auch Goethes-Erben-Lieder … Aus den Gründen hab ich Henke gegründet, die sich öfter wieder umformiert hat, weil sie eigentlich ursprünglich nur für Live-Festivals zusammengestellt wurde. Es hat mir aber so viel Spaß gemacht, mit den Leuten zusammenzuarbeiten, dass ich gesagt habe: "Wenn ihr alle Lust habt, machen wir ein Album, schreiben neue Songs und machen unsere eigene Band".

Wie entstehen Text und Musik bei Henke? Sind das jetzt andere Beweggründe als bei den früheren Projekten?

O. H.: Es verändert sich die Sichtweise. Bei Henke ist die Arbeitsweise schon so, dass Texte sehr dominant sind, aber im Vergleich zu Goethes Erben sehr gleichberechtigt zur Musik. Henke ist sehr songorientiert. Wir erzählen keine großen Geschichten, wir wollen auch gar kein Musiktheater machen, sondern wir wollen als Band funktionieren, das Publikum unterhalten und bannen.

Natürlich sind die Themen weiterhin Dinge, die mich beschäftigen und mit denen ich mich auseinandersetze. Dadurch sind sie von ihrer Art her dunkel und düster, aber – und das unterscheidet Henke eben sehr – es ist auch sehr viel Lebensfreude drin. Allein durch die Musik und die Musiker, und das hat auch Auswirkungen auf das gesamte Feeling, was man auch von der Band auf das Publikum transportieren kann.

Die CD ist sehr eingängig.

O. H.: Ja, und trotzdem sind auch sehr düstere Sachen drauf. Ich bin immer ein Fan davon, Leute zu unterhalten und trotzdem noch einen Inhalt zu vermitteln. Nur Unterhaltung finde ich langweilig … oberflächlich langweilig.

Die Texte sind sehr tiefgründig.

O. H.: Und wenn sie dann noch durch den Leitfaden Musik an die Leute herangetragen werden, finde ich, ist es noch besser, dann setzen sie sich auch viel eher mal damit auseinander.

Das Album zielt mit anspruchsvollen Texten in die Richtung Gothic Rock, Alternative.

O. H.: Eher Alternative, mit Gothic Rock hat es kaum was zu tun. Gothic Rock ist für mich Sisters of Mercy, Fields of the Nephilim, Lacrimas Profundere. So klingen wir nicht und so wollen wir auch nicht klingen. Wir klingen jung, frisch, alternativ, anders.

Wie war eure Tour?

O. H.: Uns hat's sehr viel Spaß gemacht. Den Leuten, die da waren, hat's auch Spaß gemacht. Sie war nicht sonderlich gut besucht, was natürlich daran liegt, dass man erst den Leuten klar machen muss, wer eigentlich Henke ist.

Das wissen eben viele Menschen noch immer nicht. Viele Leute waren erstaunt, dass ich dann der Sänger war – und da haben sich dann auch im Nachhinein einige geärgert, dass sie nicht zu den Konzerten gekommen sind.

Deshalb machen wir auch heute das Konzert. Wir haben so einen achtseitigen Flyer, ein kleines Heft, wo eben erklärt wird: Wer ist Henke und in welcher Konstellation steht's zu Goethes Erben. Auch heute denken viele an Goethes Erben, Henke haben die gar nicht auf dem Schirm.   

Was sind deine Beweggründe zu schreiben?

O. H.: Ähnlich wie bei der Musik: Es gibt einfach Dinge, die mich beschäftigen, sei es jetzt Zeitgeschehen, mit den Kolumnen, oder auch Gefühle unterschiedlichster Natur, die ich eben aufarbeite. Ich bin jemand, der sich relativ gut in Situationen hineindenken kann, und das sind dann eben die Themen, die ich bearbeite. Alles was mich interessiert, was mich nicht interessiert, mach ich nicht.

Vielen Dank für deine Zeit, alles Gute für dich und natürlich die Band Henke!

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--> Rezension zum Album "Seelenfütterung" auf Rezianer.de