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Kairo 678 Drucken E-Mail
Geschrieben von: Martin Kunze   
Sonntag, den 09. Juni 2013 um 19:11 Uhr

Cover Kairo 678 (c) Arsenal FilmRegie: Mohamed Diab
Darsteller: Boshra Parwani, Nelly Karim,Nahed El Sebai, Maged El Kedwani, Bassem Samra, Ahmed El Feshawy,Omar El Saeed, Sawsan Badre
Genre: Drama
FSK: ab 12 Jahren
Sprache: Arabisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch
Produktionsjahr:
2010
Produktion: Boshra / New Century Productions
Laufzeit: 100 Minuten
Erschienen: 12. April 2013

Mit Ägypten verbindet man gemeinhin eine große Vergangenheit und eine äußerst unruhige Gegenwart. Denn obwohl mit Kleopatra einst eine der mächtigsten Herrscherinnen der Weltgeschichte das Reich am Nil regierte, sieht die Situation der Frauen im modernen Ägypten insgesamt nur wenig rosig aus.


Was totalitäre Regierungsformen angeht, pflegt der nordafrikanische Staat eine stolze Tradition, die auch noch lange nicht am Ende ist – in Kombination mit dem immer noch mächtigen Überwachungsstaat – in jedem Fall ein schweres Erbe für eventuell zu schwache Schultern.

3 Frauen treten für ihre Rechte ein

Im Schatten der Revolution von 2011 findet im Kampf der Geschlechter ein langsamer Wandel statt. Das provokante und mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete Regie-Debüt von Mohamed Diab wirft sein Schlaglicht auf das Alltagsleben dreier Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Es erzählt von Demütigungen, die sie erleben müssen, und die Mittel, mit denen sie sich zur Wehr setzen.

Da ist zum einen Seba, die vor Jahren Opfer einer Massenvergewaltigung wurde, die Stand-Up-Comedian Nelly, die brutal überfallen wird und als erste Ägypterin einen Mann wegen sexueller Belästigung anzeigt, und Fayza, die in den überfüllten Bussen der Metropole beinahe jeden Tag begrapscht wird.

Diese drei werden sich begegnen. Doch auch mit vereinten Kräften gleicht ihr Streben nach Gleichberechtigung einem Kampf gegen Windmühlen, gegen Unterdrückung aus Tradition, gegen Furcht und allgemeiner Fügung in das vermeidlich Unvermeidliche.

Wie aus dem Leben gegriffen

Stilistisch wirkt der schon 2010 gedrehte, aber erst spät in Deutschland veröffentlichte Film sehr authentisch. Die einzelnen Szenen sind auch für Europäer nachvollziehbar, die Figuren glaubwürdig. "Kairo 678" vermittelt über die Geschichten der Frauen außerdem eine starke Botschaft. Der spannend erzählte Film gleicht stellenweise tatsächlich einem feministischen Pamphlet, zeugt von einem Alltag, welcher den wasserskifahrenden Pauschaltouristen maximal vom Hören-Sagen bekannt sein dürfte.

Die Alltagswelt der Frauen ist von Bigotterie geprägt. Dass die Hauptprotagonistinnen teilweise widersprüchlich agieren, ist Teil der Authentizität. Das macht sie als Figuren interessant - leider auch, weil die Mehrheit der Männer im Kontrast dazu vor allem als bedrohliche Pappkameraden dargestellt werden. Allerdings bleibt die Schwarz-Weiß-Malerei noch im Rahmen, auch wenn einige Szenen sehr überspitzt dargestellt werden. So sollte die Kastration männlicher Wüstlinge im öffentlichen Nahverkehr nicht unbedingt als Modell der Zukunft verstanden werden.

Seba und Nelly nehmen die Sache dann auch eher mit einer Mischung aus Trotz und galligem Humor, organisieren sich und versuchen im Großen wie im Kleinen, gut sichtbare Zeichen eines zivistaatlichen Widerstands zu setzen.

Wie es im Land der Pharaonen tatsächlich weitergeht, ist eine Frage, die von der Fiktion freilich nicht beantwortet werden kann. Von den Geburtswehen eines Paradigmenwechsels zu sprechen, wäre vielleicht zu gewagt, aber der Arabische Frühling befördert zweifellos neue Ideen und verstärkt bereits vorhandene gesellschaftliche Impulse. Unabhängig vom größeren historischen und politischen Kontext ist "Kairo 678" in jedem Fall ein relevanter und sehenswerter Film.

Vielen Dank an Arsenal Film für die Bereitstellung des Rezensionsmaterials!